Firedrich Ani
Mario Vargas Llosa würdigt die Romane des uruguayischen Schriftstellers Juan Carlos Onetti, die zu dessen 100. Geburtstag neu erscheinen
Es ist Samstag, wie so oft, und auf den Strassen suchen Betrunkene und Frauen die Nacht nach unbenutzten Augenblicken ab, in denen ein Versprechen möglich oder die Illusion vom Überleben stärker sein könnte als die gepflegte Tugend der Gleichgültigkeit und des Zynismus im Angesicht des kurzen Lebens. Es ist oft Samstag und Nacht in der Welt des uruguayischen Schriftstellers Juan Carlos Onetti, und manchmal klingen die Zeilen wie Widmungen für den verschleierten Teil unserer Persönlichkeit. Denn die «onettianischen Prototypen » (Vargas Llosa) zeichnen ein hohes Mass an Verschlagenheit und Gier aus, auch neigen sie zu sexueller Gewalt und Seelenkälte, selten jedoch, um der Macht willen. Wonach die Helden Onettis streben, ist das Erreichen vollkommener Selbstvergessenheit und Unsterblichkeit, wie sie ein Liebesakt simuliert, wenn der ekstatische Körper über den um die eigene Auslöschung rotierenden Geist triumphiert. Dabei sind diese unermüdlich scheiternden, müde und zynisch gewordenen Nachtgestalten in der Tiefe ihres Wesens längst unsterblich. In Wahrheit nämlich sind sie Schutzengel ihres magischen Erfinders.
Anders als bei Onettis Vorbild William Faulkner, in dessen erfundenem Universum Yoknapatawpha County die Figuren wie in einer «realfiktionalen » Welt agieren, sind sich Onettis Einzelgänger ihres metaphysischen Daseins bewusst. «Die Bewohner von Santa María wissen, oder ahnen zumindest, dass sie Trugbilder sind, der Phantasie und den Launen Brausens entsprungen, eines pathetischen Gottes aus Fleisch und Blut, vergänglich, wie sie selbst, und deshalb handeln und fühlen sie wie verhexte, von ihrer eigenen Irrealität bestimmte Wesen.» (Vargas Llosa)
Hymnen auf die Liebe
In seiner ebenso hingebungsvollen wie literaturhistorischsachlichen Bestandsaufnahme der Werke des von ihm verehrten Kollegen kommt Vargas Llosa immer wieder auf diesen scheinbar hermeneutischen Kosmos zurück. Vordergründig erfindet eine Figur (Juan María Brausen) eine andere (Dr. Díaz Grey) und gewährt dieser dann wiederum einen weiteren Schöpfungsakt, so dass schliesslich die erfundene Stadt Santa María am Río de la Plata bevölkert ist von lebenden Geistern, denen Vergnügen, Lust und Neid so vertraut sind wie den Menschen in Montevideo oder Buenos Aires. In der uruguayischen Hauptstadt wurde Onetti geboren, in der argentinischen Metropole lebte und arbeitete er viele Jahre, und als er der Militärdiktatur in seiner Heimat den Rücken kehrte und ins Exil nach Madrid übersiedelte, wo er 1994 starb, folgten ihm seine Sanmarianer unbeirrt und blieben bei ihm bis zu seinem letzten, ein Jahr vorseinemToderschienenenRoman «Wenn es nicht mehr wichtig ist».
Seinen Figuren entkam Onetti so wenig wie sich selbst, von seinen ersten Veröffentlichungen an war er ein Aussenseiter in der lateinamerikanischen Literatur. Nie entwickelte er den Ehrgeiz, sich in die Nähe bedeutender Scheinwerfer zu stellen, «der ununterbrochenen Masturbation, die sich literarisches Leben nennt» (OTon Onetti) zog er die Lektüre von Kriminalromanen vor, er sang Hymnen auf die körperliche Liebe und heiratete vier Mal (darunter zwei Kusinen). In seinen Büchern pries er die Figur des Bordellbesitzers, so schäbig oder erfolglos dieser auch sein mochte, und er verharrte auch dann noch stolz in der Rolle des Einzelgängers, als er gegen Ende seines Lebens die meiste Zeit im Bett verbrachte, rauchend und Whisky trinkend. Gelegentlich empfing er Journalisten, deren Fragen nach einer Botschaft in seinen Werken er mit schwerer Zunge und lichtvollen Gedanken zunichte machte. «Die Leute sollen sich doch selber bebotschaften», brummte er. Falls einem mal jemand mit einer Botschaft über den Weg laufe, sei es an der Zeit, den Bürgersteig zu wechseln. Juan Carlos Onetti schrieb, weil das Schreiben ihn glücklich machte und ihn – zumindest zu Beginn seiner Schriftstellerexistenz – aus dem Kreislauf einer sinnlosen Lebensanstrengung in einen Kosmos von absoluter Freiheit katapultierte. In einem Paradies aus Wörtern verwandelte sich die Schlange Wahrheit in ein Chamäleon, dessen Blicke unberechenbar waren und dessen Aussehen so häufig wechselte wie die Zahl derer, die glaubten, es dressieren zu können, indem sie Zärtlichkeit und Verständnis heuchelten. Die meisten von ihnen verfielen ob ihres zwecklosen Tuns dem Wahnsinn oder brachten sich um. Auch Onetti machte sich keine Illusionen. Und doch nahm er jedes neue Scheitern aufrecht an.
«Als ich diese Geschichte geschrieben hatte», heisst es am Ende des Kurzromans «Grab einer Namenlosen» (1959), «fühlte ich mich mit mir im Frieden, war sicher, das Wichtigste erreicht zu haben [...]: ich hatte eine Herausforderung angenommen, hatte wenigstens eine der täglichen Niederlagen in einen Sieg verwandeln können.»
Sechzehn Jahre davor und vier Jahre nach seinem ersten Buch «Der Schacht» (1939), mit dem laut Vargas Llosa die Zukunft der lateinamerikanischen Literatur begann, erschien«Para esta noche», ein Roman, der nun zum ersten Mal auf Deutsch vorliegt («Für diese Nacht», aus dem Spanischen von Svenja Becker, Suhrkamp). Der Roman ist Teil einer umfassenden Werkausgabe, die neben den beiden deutschsprachigen Erstveröffentlichungen «Niemandsland» und «Für diese Nacht» Onettis vollständiges Prosawerk beinhalten wird.
Phantastisches Erzählen
Unter seiner, wie er es nannte, «Lupe aus Beobachtung und Intuition» folgt Onetti im «Nacht»Roman einer Gruppe von Menschen in einer Stadt ohne Mitleid. Die «Hunde», skrupellose Militärpolizisten eines Terrorregimes, verbreiten Furcht und Schrecken. In dieser Samstagnacht jedoch öffnen sich die Tore der Hölle, ein dreizehnjähriger Engel erscheint: die Tochter eines Widerstandskämpfers, der von seinem Freund Ossorio verraten wurde. Dieser Ossorio ist eine der beiden Hauptfiguren; sein Widersacher und Jäger, Morasán, lässt Prostituierte und junge Männer foltern – nicht, weil er die Wahrheit hören will, sondern weil er seiner Bestimmung folgt und «eingepfercht in das eigene Gerippe» nicht anders kann.
Im Gegensatz zum späteren, klassischen Personal, das 1950 im Roman «Das kurze Leben» zum ersten Mal unter der schwarzen Sonne Santa Marías erscheint, umgibt die Helden des Frühwerks die Aura realer Wirklichkeit. Zu einem politischen Roman, womöglich inklusive Botschaft, taugt «Für diese Nacht» aber nicht. Davor schützt ihn Onettis ausschweifende, wortwilde Sprache, sein «wüster Stil» (Vargas Llosa), seine Apotheose des menschlichen Leids.
Bei aller Phantastik im Grundton seines Erzählens, inmitten seiner von Adjektiven glühenden, wie Lavaströme die dunklen Geschichten durchziehenden Sätze und trotz seiner mürrischen Weigerung, stringente Handlungsstränge zu entwickeln, vergeht keine Nacht in seinen Büchern, die Juan Carlos Onetti nicht mit all seiner Empathie und ironischen Menschenzugehörigkeit erfüllt hätte, die ihm sein Leben lang nie abhandenkamen. Schutzengel sind so.
Mario Vargas Llosa: Die Welt des Juan Carlos Onetti. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Suhrkamp, Frankfurt 2009. 220 Seiten.