Friedrich Ani
Alles ist vergeblich, und man muss wenigstens den Mut haben, keine Vorwände zu gebrauchen.
Juan Carlos Onetti, "Der Schacht"
Elf Jahre lang hatte er in dieser Stadt gelebt, im fünften Stock eines Wohnblocks mit Balkon nach Südwesten. Er hatte ein Zimmer bei Mia, und hier, auf dem Balkon über dem Geschrei der türkischen Kinder auf dem Spielplatz, saß er Sommer für Sommer und tat nichts, während Mia die Werke eines uruguayischen Schriftstellers las, den sie jahrelang versucht hatte zu interviewen, bis er schließlich in seinem Madrider Exil gestorben war, und sie ihren Plan beerdigen musste, nicht ohne weiterhin seine Romane zu lesen, einige davon jeden Sommer von neuem.
Larsen, der anders hieß, sich aber so nannte, um Mia einen vagen Gefallen zu erweisen und ihr vielleicht auf ungelenke Art zu imponieren, wobei er in ihren Augen nichts weiter zum Ausdruck brachte, als dass er ebenfalls das eine oder andere Buch des uruguayischen Schriftstellers gelesen und den einen oder anderen Namen behalten hatte - Larsen sah hinunter auf den Spielplatz: Die Ödnis seiner Vergangenheit und ein einziger vertrockneter Strauch, den Mia und er in der Hoffnung auf eine irrsinnige Zukunft gepflanzt hatten, als könne er eines Tages einen Beweis ihrer Existenz darstellen. Oder des Scheiterns ihrer Existenz.
"Gibt es mich noch für dich?", fragte sie, und er sah sie an und sah hinter ihr die Sonne, die zwischen den Dächern verschwand, ein Schauspiel in Grün, Türkis und blassem Rot. Schweigend aßen sie weiter, Weißbrot und frische Artischocken oder Mailänder Salami, und tranken Weißwein, die Flasche gekühlt im Champagnerkübel, den Mia zu ihrem vierzigsten Geburtstag von ihren Kollegen geschenkt bekommen hatte. In jener Nacht nach der Feier in Mariettas nostalgischer Spelunke schliefen Larsen und Mia auf dem Teppichboden im Wohnzimmer miteinander, und am nächsten Morgen bemerkte Larsen die Abschürfungen an seinen Knien.
"Der Wein ist verdunstet", sagte Mia.
Die Hauptspeisen stammten aus toskanischer oder sizilianischer, manchmal aus französischer, tschechischer, selten aus deutscher Küche, außer wenn Mia den Einfall hatte, gegrillte Hähnchen mitzubringen, deren Fett dann an ihren Fingern stank, wenn sie längst im Bett lagen, und Mia mit der linken Hand rauchte und mit der rechten Larsens Geschlecht bedeckte, als wolle sie es vor dem Rauch schützen. Sie redeten. Nicht einmal das Schweigen - der eine lauschte der Stille des anderen - hatten sie sich bewahrt, und solange wir, dachte Larsen, mit Worten und Aberworten die letzte freie Stelle in uns besetzten, würden wir morgens aufwachen und unruhig sein, voller Skrupel, Widerwillen und Ekel in der Erinnerung.
"Zur Feier des Tages gibt es heute Grappa prosecco!" "Was wird gefeiert?", fragte Larsen. "Nimm dein Glas und erhebe dich." Er stand auf. Unten auf der Straße hielten Autos an den roten Ampeln, und in der Ferne, wo bei Föhn die Berge vor den Toren der Stadt aufragten, tauchte ein Haus am Hang aus der Nacht.
Das war das Haus, in dem er, zehnjährig, zum zweiten Mal geboren wurde und in der ersten Stunde seines zweiten Lebens begriff, dass er verloren und verlogen sein würde, wenn er nur ein einziges Mal noch, später, irgendwann, sich mit der Vorstellung verschiedener Ichs trösten wollte. Zeitlebens, das wusste er plötzlich, würde er kein anderer sein als der, der er mit zehn war, seine Haut würde mürbe sein und er behäbiger in den Nächten, er würde merkwürdige Erfahrungen ansammeln und einen Sommer auf einer roten Insel verbringen und einen anderen Sommer in einem Wolkenkratzer, da wären Fotografien und Telefongespräche über Tausende Kilometer hinweg.
Doch er, der dick gewordene, schnarchende, gleichgültige Mann, der vor Menschengedenken zehn Jahre alt gewesen war, würde immer noch in seiner Einsamkeit hausen, so wie er in Mias Zimmer hauste, nicht imstande sich aufzumachen oder zu bleiben, ein Wort zu halten oder es zu brechen. Er wäre einfach nur da, und wenn er eines Tages tatsächlich verschwunden sein sollte, würde er es nicht bemerken. Da war ein schwarzes Tal in ihm, bevölkert von Erinnerungen und Ahnungen, an die er sich wie an das Heute und an das Morgen gewöhnt hatte, wie an die Gewissheit, dass er niemals würde Selbstmord begehen können, weil dies eine Entscheidung wäre, die in ihm nicht angelegt war.
Der Grappa schmeckte samtig und hatte neunundvierzig Prozent, Mia setzte sich auf Larsens Schoß und ihre Schenkel schnappten nach seiner Hand. Sie waren ein Paar, trostlos und betrunken, und jede Regung, jede Reaktion, die folgte, wussten sie im Voraus.
In der Früh wartete er drei oder vier Stunden, bis die Sonne auf ihn schien und seine Augen betäubte. Den Schreibblock auf den Knien, saß er auf dem Balkon, nachdem Mia gegangen und ihre Teetasse und den Teller mit den Bröseln der Kekse stehengelassen hatte, den Resten ihres geräuschvollen Frühstücks. Larsen hoffte auf einen Wink seines Filzstifts und starrte das oberste Blatt an, hypnotisierte es und befahl ihm herauszurücken mit dem ersten, ungeheuer einfachen Satz. Und er würde anfangen und den ersten Satz fortsetzen in einem Inferno aus Vermutungen, Flüchen, Schwüren und Beschwörungen, wie sie noch nie jemand über diese Stadt verbreitet hatte.
Und er würde nicht eher aufhören zu schreiben - und dabei die Sonne und die Stunde des Einkaufs übersehen, sodass sie später gegrillte Hähnchen vom Straßenverkauf besorgen müssten, schmierig und lappig -, bis er alle drei Teile seiner Chronik abgeschlossen hätte und sich die Jahre gelohnt haben würden. Dein Manuskript!, würde er an diesem legendären Abend zu ihr sagen und ihr den Packen überreichen, und sie würde ihn staunend nehmen und sagen: Komm her! Und er würde an seine aufgeschürften Knie denken.
Es war ein Moment der Wehrlosigkeit gewesen, der übermütigen Langeweile, eine Laune. Nach acht Jahren bei einer Zeitung, deren neuer Verleger das Ziel hatte, dreihundert Stellen einzusparen, war er entlassen worden, die Höhe der Abfindung akzeptierte er sofort, zufrieden, dass er Geld dafür erhielt, morgens nicht mehr aufstehen zu müssen. Und Mia hatte eine Idee.
"Nimm dir ein Jahr Zeit, mach deine Augen auf und schreib. Ich will eine Geschichte über diese Stadt, über Zustände, Missstände, Beziehungen, Verbrechen, Krankheiten, ich will in meinem Magazin die Wahrheit über diese Stadt lesen, die wir alle verabscheuen und in der wir leben wie die Made im Speck oder wie der Hahn auf dem Misthaufen, ganz wie du willst." "Ja", sagte er, "das kannst du haben." Und er wiederholte: "Das sollst du haben."
Er las die Zeitungen und streunte herum, er trank in Bierkneipen, Bistros und Restaurants, die besiedelt waren von Leuten, die nur zu niesen brauchten, schon servierte ihnen der Kellner den nächsten Drink, den nächsten Salat mit Shrimps oder Mangos. Er aß in Trattorien und einheimischen Spezialitätenkellern, er beobachtete Gesichter, Ärsche und Hunde, er befragte Taxifahrer, Touristen und Huren. Auf einem Friedhof traf er eine alte Frau in einem Lodenmantel, die einen Bullterrier an der Leine führte und sagte, ihr Mann sei von einem Nachbarn im Streit erschossen worden, und wenn der Mörder aus dem
Gefängnis entlassen werde, würde sie den Hund auf ihn hetzen, so lange wolle sie ausharren und ihren Heiko in Hochform halten. Vor einem Kaufhaus sah er einen munteren Herrn in Cordhosen, der seinen Freund mit dem Hitlergruß empfing.
Er brauchte sich nichts aufzuschreiben, er merkte sich alles. Nach einem Jahr bat er Mia um Aufschub. Nach drei Jahren des Gehens, Verschwendens, Suchens und Erschreckens sagte er zu ihr: "Ich habe alles vergessen."
Elf Jahre hatte er in diesem Zimmer zugebracht, jeder Schritt nach draußen war ein Schritt ins Ausweglose gewesen, war der Beginn der Flucht aus dem geschniegelten städtischen Sommer zurück in die Bronx seiner schwarzen Wände, zu seiner stammelnden Stimme, zurück zur Fata Morgana einer Bucht, in die das Meer leckt, grünzüngig und gierig.
Es war dieser Moment des tollen Nichts gewesen, ein Augenblick euphorischer Aporie, der ihn in Mias Geschichte getrieben hatte, in dieses Labyrinth aus Seligkeit, Stolz und Scheitern, das nicht endete.
Sein Dasein verlangte, morgens die Teetasse und den Teller mit den Resten abzuräumen, auf den Balkon zurückzukehren, sich zu setzen, ohne Block und Filzstift vergessen zu haben, einen Hauch von Mia in sich aufzunehmen, Reminiszenz an eine Dauer von vielleicht fünf Sekunden, in denen ihr Haar und ihr Kuss Teil seines Lebens waren, sogar Teil einer Zeit, die erst hätte anbrechen können, wenn er fähig gewesen wäre, noch einmal zu beginnen. Aber Mia war immer schon verschwunden - den Tag verbrachte sie in Hochglanz, Schönheit und etwas Wirklichkeit - und er wartete auf die türkischen Kinder und ihr Geschrei, auf die fetten Mütter, deren Lachen und Plappern die finstere Fassade der Männer, die auf einer Bank in der Entfernung saßen, nicht erschütterten. Er wartete auf eine Wendung, auf etwas Unerhörtes.
"Du willst also nichts schreiben?", sagte Mia. Sie waren bei der zweiten Flasche Weißwein angelangt und rauchten. "Es lohnt nicht", sagte er. "Verlogene Laster, armselige Ausschweifungen, Überschwang nach der Stechuhr. Wenn du hinhörst, unten in den Restaurants, hörst du es klacken und klimpern in den Toiletten, sie kacken Dukaten wie der Esel im Märchen, sie haben keine Angst außer der, bei der Tischreservierung zu versagen." "Glück gehabt", sagte Mia und tockte mit vier Fingern auf den Marmortisch, an dem sie saßen. "Hier ist immer frei." Dann sagte sie: "Lass deine Phantasie spielen."
"Nehmen wir an", sagte er und verspürte kein Bedürfnis aufzustehen, um Nachschub zu holen oder die Kerzen vorzubreiten für die Fortsetzung dieses unvermeidlichen Vorspiels, "ich gebe mich als Journalist aus, der ich immerhin eine lange sinnlose Zeit gewesen bin, und stelle Fragen und notiere mir die Antworten, ich mache Beobachtungen und hege einen gewissen Verdacht. Nehmen wir an, ich erfülle alle Pflichten, die es zu erfüllen gilt in diesem Metier. Und nehmen wir an, ich schreibe eine Geschichte in drei Teilen, von der sowohl du als auch deine Chefredakteurin am Ende von jedem eurer monatlichen Besäufnisse schwärmen werdet - was, als Entschädigung, als Ausgleich für die Jahre, könntest du mir bieten? Was wäre dein Einsatz für eine Geschichte, die keinen Zweck erfüllt, die nichts beweist und nichts verändert, die weder Hass noch Verehrung kennt, weder Eiszeit noch Auferstehung?" "Wirst du da sein, wenn ich zurückkomme?", fragte sie.
Sie habe, hatte sie an einem Novembertag, dessen Datum er vergessen hatte, zu ihm gesagt, mit einer Verwandten des uruguayischen Schriftstellers telefoniert, vielleicht stoße sie mit ihrer Hilfe auf geheime Manuskripte und werde dann endlich ein Buch schreiben und nicht länger in einem polierten Magazin arbeiten müssen. Seit er sie kannte, verfolgte sie den Plan, Schriftstellerin zu werden, und ebenso lange zweifelte er daran, dass sie es schaffen würde. Aber er entmutigte sie nie.
"Wenn ich aus Madrid zurück bin", sagte sie, "will ich deine Geschichte lesen, eine Geschichte, in der du vollkommen verschwunden bist, in der es nur Straßen, Gesichter, Bewegungen, Schatten, Liebe und Schmerzen gibt." Sie standen in der Halle des Flughafens, früher Morgen, um sie herum ein Schlürfen und Schlurfen, und Mia klopfte mit der flachen Hand auf seinen Bauch unter dem Mantel, und ihre Zunge, ein roter lachender Delphin, sprang durch seinen Mund. Auf der Fahrt im Taxi vom Flughafen zu Mariettas nostalgischer Spelunke winkte er Mia: Möge sie Santa María erreichen und gelassen oder rechthaberisch mit dem alten Arzt Díaz Grey Schnaps trinken.
"Für mich nicht!", sagte Marietta. "So früh warst du noch nie hier. Was ist passiert?" "Wer bin ich?", fragte Larsen.
"Trink erst mal." Er trank, sie schenkte nach, er trank wieder, und sie sah ihn an.
"Wer du bist", sagte Marietta, "wen interessiert das? Du redest, das macht mir nichts aus, du tust mir nicht weh damit, auch wenn du das möchtest, du trinkst und rauchst und manchmal schläfst du ein oder fängst an zu spinnen. Am Ende landest du doch immer da, wo du hingehörst, in deinem Zimmer, in deinem Bett oder auf dem Fußboden. Immerhin: Du hast einen Platz, was willst du?"
Seit seiner Ankunft in dieser Stadt vor elf Jahren war er auf dem Sprung gewesen, bereit, aufzubrechen, wegen der Liebe oder seiner Hybris, bereit, einen Weg zum letzten Mal zu gehen, ein Gasthaus zum letzten Mal zu betreten und sich die Ereignisse an den Nebentischen einzuprägen, bereit, zum letzten Mal neben einer Frau zu liegen, Betrüger einer anderen, bereit zu sagen: Dies ist mein letzter Tag, dies ist mein erster Tag einer neuen, mir zugeeigneten, auf mich eingestellten Zeitrechnung. Dies bin ich gewesen und jener werde ich nicht länger sein, sondern der, den ihr nicht kennen werdet, der euch fremd bleiben wird und den ihr daher nicht zu vergessen braucht. Seit seiner Ankunft in dieser Stadt sehnte er sich nach einem Ort, dessen Einwohner zeit ihres Lebens Fremde bleiben und sich nichts vorzuspielen brauchen, weil sie wissen, wer sie sind: Unbehauste, die wegen eines armseligen Zufalls heimisch geworden sind oder wegen einer unbegreiflichen Fügung.
In einer solchen Stadt, südlich, laut, unendlich in ihrem täglichen Begehren, gab es ein Haus in einer engen, quirligen Straße. In diesem Haus im zweiten Stock, in einer unscheinbaren Wohnung, stand ein Stuhl aus Korb für ihn, ein Tisch und eine Couch. Und da war ein offenes Fenster, das die Geräusche einließ und das Kreischen der Kinder und die Gerüche und die hungrigen Tentakel der Sonne, die über die dampfenden Schlote der Fabrik gekrochen kam, zu ihnen, zu ihr, seiner leibhaftigen Geschichte, zu ihm, dem heimlichen Erfinder, dessen Name nicht mehr Larsen war.
"Oliven, bitte, außerdem mariniertes Gemüse und Schafskäse, bulgarischen, Pepperoni, noch mehr Oliven, diesmal von den grünen, die mit Paprika gefüllt sind, dazu zwei Sesamringe und zwei Flaschen Rotwein, aber keinen griechischen, sondern türkischen."
Und dann, an einem hohen Sommertag, sitzt er am offenen Fenster, trinkt und schwitzt vom Kauen und Verdauen der Pfefferschoten, und vis-à-vis schreit ein Junge zur Straße hinunter und ein anderer Junge schreit von unten herauf, und Männer stehen vor einer Kneipe und sprechen ohne Unterlass, und hinter den Schloten der Fabrik und hinter der blühenden blutenden Abendsonne versinkt eine Stadt im Abend, in Abwesenheit, Amen.